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Anna-Franziska Meyer

31.01.2013 - 21:00:53 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Anna-Franziska Meyer - Preisträgerin des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

Preisträgerin Anna-Franziska Meyer
Preisträgerin Anna-Franziska Meyer

4. Preis


 

Der Fall der gestohlenen Pralinenschachtel

 

Heiß und unbarmherzig brannte die Sonne vom gleißenden Himmel über dem Anwesen, das den Archäologen Leonard und Katherine Woolley und ihrem Team als Unterkunft diente.  Der Wüstenwind blies mir den Staub ins Gesicht.

Max Mallowan hob meinen Koffer aus dem klapprigen Van, in dem er mich aus Bagdad abgeholt hatte, und lächelte mir aufmunternd zu.

“Mrs Christie wartet sicher schon auf Sie”, sagte er.

Ich lächelte nervös und klopfte mir den gröbsten Dreck vom Kleid. Immer noch konnte ich es nicht fassen, dass ausgerechnet ich den Hauptpreis im Krimirätsel der Times gewonnen hatte und nun tatsächlich der Queen of Crime, Agatha Christie, begegnen würde.

“Max!”

Aus dem Haupthaus kam uns ein junger Mann mit einem beachtlichen Schnurrbart entgegen.

“Hallo, George”, grüßte Max ihn. An mich gewandt sagte er: “Das ist Mr Ellis, unser Fotograf.”

“Sie sind wohl die Gewinnerin”, fragte George. “Na, herzlichen Glückwunsch! Max, Katherine verlangt nach ihren Süßigkeiten. Hast du dran gedacht?”

Max nickte zum Auto hinüber. “Ich bring sie ihr gleich.”

“Sie ist im Wohnzimmer. Ich geh jetzt ins Labor, die letzten Bilder entwickeln, falls mich jemand sucht”, sagte Mr Ellis, nickte mir zu und verschwand in einem Gebäude zur linken.

“Süßigkeiten für Mrs Woolley”, fragte ich, während ich Max in das Haupthaus folgte.

Er zog eine Grimasse, die im kühlen Dunkel des Hauses kaum zu erkennen war.

“Sie isst sie alle auf einmal und dann ist ihr schlecht”, sagte er. “Aber wenigstens haben wir dann unsere Ruhe. So, da wären wir.”

Er öffnete die Tür zur Linken und ließ mich eintreten. Das Wohnzimmer war kärglich eingerichtet: Ein Schrank, ein Sofa, auf dem eine gut aussehende Frau lag, und ein kleiner Tisch, an dem mit dem Rücken zu uns die berühmte Agatha Christie saß.

“Alles nichts”, murmelte sie wütend und fuhr mit dem Stift so heftig über das Papier, dass es zerriss. “Kann dieser verdammte Belgier nicht einmal tun, was er soll?”

“Belgier? Ich dachte, er wäre Franzose”, sagte die Frau auf dem Sofa träge. Jetzt erkannte ich sie als Katherine Woolley. Sie hob den Kopf, als wir eintraten.

“Max!” rief sie und streckte einen Arm aus. “Hast du meine Süßigkeiten?”

“Ich hole sie gleich”, sagte Max. “Agatha, du hast Besuch.”

Mrs Christie wandte sich um und ein Lächeln flog über ihr Gesicht.

“Sie müssen Miss Meyer sein!” rief sie und kam auf uns zu, um mir die Hände zu schütteln. “Hatten Sie eine gute Reise? Ich weiß, die Straßen hier sind furchtbar.”

Bei dieser herzlichen Begrüßung fiel sämtliche Nervosität von mir ab.

“Max, die Süßigkeiten”, kam es klagend vom Sofa. Max entschuldigte sich und verließ das Zimmer.

Mrs Christie verdrehte die Augen.

“So, da Sie schließlich das Rätsel gewonnen haben, dürfen Sie mich alles Mögliche fragen”, sagte sie, setzte sich auf ihren Stuhl und schaute mich erwartungsvoll an.

Ich zögerte. “Mrs Christie, wo waren Sie damals, im Jahr 1926, als Sie elf Tage lang verschwunden waren? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie erschrocken ich war, als ich das in der Zeitung gelesen habe. Es war, als wäre ich plötzlich in einem Ihrer Bücher gelandet, als hätte ich alle Fäden in der Hand, aber ich konnte sie nicht zusammenführen. Ich hab mir Hercule Poirot so sehr herbeigewünscht…”

Mrs Christies Gesicht verdüsterte sich, doch bevor sie antwortete, stürzte Max wieder herein.

“Die Süßigkeiten”, murmelte er hastig. “Ich hatte sie auf den Beifahrersitz gelegt, aber jetzt sind sie weg!”

Mrs Woolley sprang auf. “Wie bitte?” schrie sie.

“Nur fünf Minuten war ich weg!” beteuerte Max. “Jemand muss sie genommen haben.”

Mrs Woolley fuhr zu Mrs Christie herum. “Das klingt doch nach einem tollen Fall für sie”, fauchte sie. “Zeigen Sie doch mal, ob Sie so schlau sind wie Ihr Hercule Poirot!”

Sie rauschte aus dem Zimmer.

“Der Fall der gestohlenen Pralinenschachtel”, murmelte Mrs Christie amüsiert. Sie schaute mich an. “Na, wie wär’s, Miss Meyer? Lösen wir den Fall gemeinsam?”

Ich war begeistert.

“Gehen wir die Verdächtigen durch”, sagte Mrs Christie energisch und nahm ein Blatt Papier vom Schreibtisch. “Mrs Woolley, Max, Sie und ich haben für die Tatzeit ein Alibi.”

“Mr Ellis war in seinem Labor”, sagte ich. “Aber er hätte leicht über den Hof gehen und die Schachtel nehmen können.”

“Wen haben wir noch?”, murmelte Mrs Christie. “Richtig, Eve Bartlett, unsere Sekretärin. Sie sagte vorhin, sie habe Kopfschmerzen und wolle sich hinlegen. Das werden wir überprüfen. Leonard und die arabischen Arbeiter sind an der Ausgrabungsstätte. Max, weißt du, wo Tim ist?”

“Ich habe ihn eben im Hof getroffen”, sagte Max. “Er war in seinem Zimmer und hat die Steintafeln entziffert, die wir gefunden haben.”

“Drei Verdächtige also”, fasste ich zusammen und ging den anderen voran in den Hof.

Zuerst nahmen wir uns Mr Ellis vor.

“Was?” rief er erstaunt. “Katherines Süßigkeiten geklaut? Wer tut denn so was? Das ist wirklich absurd. Nein, ich habe niemanden auf dem Hof gesehen. Ich war die ganze Zeit hier und habe gearbeitet.”

Tim Smith, ein älterer Herr mit Glatze, wies jegliche Schuld empört von sich.

“Wie kommen Sie darauf, mich zu verdächtigen!” rief er schnaufend. “Ich war doch dabei, als Max den Diebstahl entdeckte! Aus Schokolade mache ich mir sowieso nichts. Fragen Sie doch Eve, die ist verrückt nach dem Zeug.”

In Eve Bartletts Zimmer rührte sich nichts, als wir klopften. Vorsichtig öffneten wir die Tür und sahen uns einer tief schlafenden älteren Frau gegenüber, auf deren Nachttisch die vermisste Schachtel lag. “Das ist seltsam”, flüsterte ich. “Sie wäre doch nie so dumm, die Schachtel so offensichtlich dorthin zu stellen. Außerdem würde sie nie so tief schlafen, wenn sie vor ein paar Minuten die Süßigkeiten geklaut hätte.”

In diesem Moment schrak Mrs Bartlett auf und schaute uns verwirrt an.

“Was ist denn hier los?” fragte sie. “Und was ist das für eine Schachtel? Ich hab doch gar nicht Geburtstag?”

Mrs Christie erklärte ihr alles. Eve Bartlett war zutiefst erschrocken.

“Aber ich habe doch geschlafen”, stammelte sie. “Die muss absichtlich jemand hierher gelegt haben.”

“Nur – wer?” fragte Max.

Mrs Christie blickte mich an. “Das Wer ist nicht die Frage”, sagte sie, “sondern das Warum.”

Bei mir fiel der Groschen. “Tim Smith!” rief ich aus. “Er hat uns auf Mrs Bartlett hingewiesen!”

Eve Bartlett lachte leise. “Aus Rache vermutlich”, sagte sie bitter. “Er hat mir gestern einen Heiratsantrag gemacht und ich habe natürlich abgelehnt.”

“Das erklärt einiges”, sagte Max trocken und nahm die Schachtel an sich. “Die bringe ich jetzt zu Katherine.”

“Und ich werde Tim die Leviten lesen”, sagte Mrs Bartlett wütend und verließ das Zimmer.

Mrs Christie und ich blieben zurück.

“Was tut man nicht alles aus enttäuschter Liebe”, murmelte sie vor sich hin und in ihrem Gesicht las ich, dass sie auch von sich sprach.

“Hören sie, Mrs Christie”, begann ich verlegen, “Wegen meiner Frage von vorhin… Sie müssen nicht…”

Mrs Christie lächelte mich an. “Oh, es wird gut tun, mit jemandem wie Ihnen darüber zu reden. Wollen wir spazieren gehen?”

 


 

Preisträgerinnen

1. Preis - Paula Wand, 17 Jahre, Apolda

2. Preis - Antonia Kraus, 17 Jahre, Meiningen

3. Preis - Eva-Maria Kilian, 21 Jahre, Erfurt

4. Preis - Anna-Franziska Meyer, 21 Jahre, Remptendorf

5. Preis - Mirjam Winkler, 16 Jahre, Wurzbach

 

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