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Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V.

Antonia Kraus

31.01.2013 - 21:02:32 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Antonia Kraus - Preisträgerin des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

Preisträgerin Antonia Kraus
Preisträgerin Antonia Kraus

2. Preis


 

Ein Tag in D-Moll

 

Ich greife in die Lostrommel. Keine Frage, dass ich auch bei der Tombola dieses Schulfestes etwas gewinnen werde, für gewöhnlich springt bei den meisten Gewinnspielen etwas für mich heraus. Besonders, wenn gelost wird.

Langsam falte ich das Los auseinander. Ja! “Treffer”, steht in großen Lettern auf dem Papier, und darunter etwas kleiner: “Verbringe einen Tag nach deinen Wünschen mit deinem Lieblingslehrer!” Innerlich juble ich. Einen besseren Preis kann es gar nicht geben! Natürlich fällt meine Wahl binnen Sekundenbruchteilen auf meine Mathematiklehrerin Dörthe Moll. Sofort melde ich diesen Wunsch an – in einem ruhigen Moment, damit meine Mitschüler nichts davon erfahren…

Anschließend ziehe ich mich in mein Internatszimmer zurück, um mir Gedanken über die Gestaltung dieses Tages zu machen. Schnell stelle ich fest, dass das gar nicht so einfach ist: Frau Moll ist der genialste, aber auch speziellste Mensch, den ich je kennengelernt habe. (Als ich einst mit ein paar Freunden ihr Nummernschild analysierte, rätselten wir, was wohl die Zahl 800 darauf zu bedeuten hätte. Offensichtlich war das weder eine Prim- noch eine Quadratzahl, aber gerade für diese hat Frau Moll eigentlich ein Faible. Doch die Lösung zeigte sich schnell: “Das ist ihr IQ!”)

Wie also könnte ich einen Tag mit Frau Moll verbringen?

Eine Option wäre es, essen zu gehen. Allerdings müsste ich dann mindestens eine Stunde lang ein intelligentes Gespräch führen. Ich fürchte, dazu bin ich intellektuell nicht in der Lage. Oder wie Frau Moll es einmal ausdrückte: “Ich sag jetzt mal nichts… zum Verbleib eurer Gehirne!” Dabei hatte ich meines sogar bei mir.

Vielleicht ein Kinobesuch? Hm, ich selbst bin kein Fan von Filmen und kenne mich damit auch nicht aus. Dann hätte womöglich keiner von uns Spaß daran, eine anschließende Unterhaltung würde auch wenig gewinnbringend verlaufen.

An Theaterstücken habe ich doch deutlich mehr Interesse. Außerdem kann man mit Frau Moll sehr gut lachen, definitiv. Wobei da meist ihre eigenen Scherze die lustigsten sind, wenn diese auch nicht immer als solche gemeint sind. Also suche ich wohl nach einer intelligenten Komödie, am besten einer, die ich schon kenne, damit ich mich danach gefahrlos mit Frau Moll darüber austauschen kann. Mir fällt nichts Angemessenes ein.

Wir könnten uns auch ein Fußballspiel ansehen! Vor meinem inneren Auge taucht der Wintersportkalender aus dem Matheraum auf. Fußball ist vermutlich nicht Frau Molls erste Wahl, wenn es um Sport geht. Zumal die Gefahr besteht, dass mein Lieblingsverein schlecht spielt, und ich glaube, dann kann ich auf geniale Kommentare von der Seite gut verzichten.

Momentan ziehe ich ein Mathematikstudium in München in Erwägung, und da Frau Moll alles kann (Das ist die wichtigste Grundregel im Umgang mit ihr: Frau Moll  sieht, hört, kann und weiß alles!), kann sie uns bestimmt auch in eine Vorlesung schleusen. Für mich wäre das mit Sicherheit ein guter Test, ob mir ein Studium dieser Art gefiele. Jedoch dürfte sich Frau Moll dabei zu Tode langweilen. Sie kann ja schon alles, wie gesagt.

Langsam beginne ich zu verzweifeln. Es gibt wirklich nur eins, das nicht passieren darf: Dass ich keinen Plan habe. Ich kann den Tag nicht einfach auf uns zukommen lassen. Frau Moll ist ein ausgezeichnet strukturierter Mensch, der Planlosigkeit verachtet. Wenn ich das missachte, werde ich wahrscheinlich ziemlich “gemollt”. Sollte ich vielleicht doch einen anderen Lehrer wählen?

Nein, Frau Moll ist die beste Lehrerin überhaupt, sonst hätte sie es nicht in den engsten Kreis meiner Idole geschafft. Ihre Art, Mathematik zu unterrichten, ist einzigartig und sehr wirkungsvoll.

Ich halte überrascht inne. Warum bin ich nicht früher auf diesen Gedanken gekommen? Was für eine blödsinnige Idee, mit Frau Moll etwas anderes als Mathematik betreiben zu wollen (na gut, Physik wäre auch eine Option, aber danach würde sie mich für den dümmsten Menschen auf dieser Welt halten, also lassen wir das lieber)!

Klare Sache, Mathe ist der richtige Ansatzpunkt. Doch auch hier bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Natürlich könnten wir alte Olympiadeaufgaben lösen, aber damit wäre Frau Moll unter- und ich überfordert.

Wenn ich mich recht entsinne, haben wir allen Einzelstunden zum Trotz noch nie mathematische Experimente durchgeführt. Mir fallen spontan einige ein, beispielsweise die Überprüfung des Benfordschen Gesetzes an einer Zeitung oder auch das Buffonsche Nadelproblem. Allerdings habe ich selbst beides bereits ausprobiert und bin doch sehr unsicher, ob Frau Moll sich dafür begeistern könnte.

Vielleicht sollten wir uns intensiv mit einem interessanten mathematischen Problem auseinandersetzen. Augenblicklich kommt mir Fermats letzter Satz in den Sinn. Obwohl ich mehr als nur ein Buch darüber gelesen und diverse Dokumentationen gesehen habe, habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie der Beweisansatz funktioniert. Ich kann zwar mit schönen Fachbegriffen um mich werfen, die ich jedoch selbst nicht verstehe.

Ja, nur eine Handvoll Menschen auf dieser Welt begreift den buchlangen Beweis von Andrew Wiles, den einzigen, der je gefunden wurde. Ich werde gewiss nie dazugehören, aber Frau Moll? Warum eigentlich nicht? Zumindest die grobe Struktur, die Idee für den Ansatz, wird sie wohl durchschauen können. Doch, wenn ich das jemandem zutraue, dann ihr.

Zufrieden nicke ich. Das dürfte eine tagesfüllende Angelegenheit werden, ein wenig an der Oberfläche der Beweisidee zu kratzen. Wenn ich auch nur den kleinsten Ansatz im Ansatz verstehe, bin ich schon glücklich. Doch das zu bewältigen, ist sowohl für Frau Moll als auch für mich eine Herausforderung, die anzunehmen ich bereit bin.

Ich überlege noch einmal ganz genau, stelle mir die Frage: Ist es wirklich das, was ich will? Aber ich weiß sofort: Ja. Denn diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal. Und wer weiß, womöglich entdeckt Frau Moll sogar noch eine Unstimmigkeit in Wiles‘ Beweisführung…

[Anmerkung: Dörthe Moll ist eine real existierende Person und war tatsächlich zwei Jahre lang meine Mathematiklehrerin. Sie hat den Text gelesen und ist mit dem Einreichen des Beitrags einverstanden.]

 


 

Preisträgerinnen

1. Preis - Paula Wand, 17 Jahre, Apolda

2. Preis - Antonia Kraus, 17 Jahre, Meiningen

3. Preis - Eva-Maria Kilian, 21 Jahre, Erfurt

4. Preis - Anna-Franziska Meyer, 21 Jahre, Remptendorf

5. Preis - Mirjam Winkler, 16 Jahre, Wurzbach

 

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