Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V. - FBK für Thüringen e.V. - Erfurt - fbk-thueringen.de
Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V.

Eva-Maria Kilian

31.01.2013 - 21:01:03 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Eva-Maria Kilian - Preisträgerin des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

Preisträgerin Eva-Maria Kilian
Preisträgerin Eva-Maria Kilian

3. Preis


 

Have you ever heard of Jane Austen, dear?

 

Endlich habe ich einen neuen schönen Ring! Ich trage nun schon seit Jahren denselben Ring am Finger und es wurde doch recht langweilig. Aber zum Glück habe ich jetzt den Richtigen gefunden! Camdon Town ist super! Ich bin ja echt schon oft in London gewesen, aber diesen Teil kannte ich bisher noch nicht. Das war ein Tipp von meiner Freundin Rachel. Ich lebe ja eigentlich für das Jahr in Birmingham, einer nicht ganz so interessanten Stadt wie the City of London. Auch nicht so schön. Eine alte Industriestadt sogar, die noch nie einen guten Ruf genossen hat. Was hab ich da mal gelesen? Sogar Jane Austen hat sich naserümpfend über die Stadt geäußert. In welchem Buch war das nochmal? Achja, ich glaub das war in Sense & Sensibility. Nee, das war in Emma. Die nervige Mrs Elton hat über die Stadt hergezogen. „(...) not a place to promise much (...) One has no great hopes of Birmingham. I always say there is something direful in the sound.“ Na gut, aber diese Mrs Elton würde ich jetzt auch nicht als Maßstab für Jane Austens Meinung nehmen. Bloß weil sie diejenige war, die eine solch lächerlich-stolze Person niedergeschrieben hat, muss es nicht bedeuten, dass sie derselben Meinung gewesen ist. Das würde ich eher in Frage stellen. Aber direful, was soviel wie gräßlich heißt, trifft's irgendwie. Bir-ming-ham. Was für ein Wort. Vielleicht steckt doch etwas von Jane Austens Witz in dieser Aussage. Wo die Birminghamer doch auch für ihren direful accent bekannt sind.

 

Wie kam ich jetzt nur auf Jane Austen? Ich bin in London, also Schluss mit den Hin- und Herüberlegungen! Steck den neuen wundervollen Ring an und auf zur neuen Schnäppchenjagd!

Der Ring ist übrigens wirklich sehr schön! Und er erinnert mich auch an Jane Austen! Was für ein Zufall, was? Aber neulich wurde der noch erhaltene Ring von ihr wiedergefunden und auf einer Auktion versteigert. Meiner sieht ihrem sehr ähnlich! Er ist golden und umfasst in der Mitte einen großen himmelblauen Stein. Wunderschön. Am Finger sieht er noch besser aus. Wundervoll! Da kann er bleiben, für immer.

 

Warte mal, was ist denn jetzt? Ich steh gar nicht mehr auf diesem Markt mit den ganzen Ständen voller Schmuck und Taschen. Wo bin ich? Sieht aus wie eine Gasse. Wie bin ich denn jetzt da hingekommen? Bin ich etwa ohne es zu merken weitergelaufen? Wo sind die ganzen Leute? Oh, das ist wieder so typisch. Da habe ich mich mal wieder verlaufen. Total verpeilt. Mist, wo komm ich denn hier hin? Das sieht alles ganz anders aus! Solche Gassen bin ich heute noch gar nicht gegangen! Oh nein, oh nein... Ah, da um die Ecke hör ich Leute reden. Und... Pferdehufe? ...

Huch? Was ist denn jetzt los?? Bin ich auf einem Mittelaltermarkt gelandet? Oder wirklich, hier sieht es tatsächlich aus wie in so einem Jane Austen Film. Es riecht auch anders als gewöhnlich. Überall liegen Pferdeäpfel herum. Okay, dann frag ich jetzt eben diese Leute, die da so geschäftig herumlaufen. Vielleicht lieber doch nicht, die scheinen echt sehr beschäftigt. Womöglich wird ein Film gedreht, das wäre schon cool. Aber dann werd ich bestimmt gleich weggeschickt. Schade, dass ich meine Kamera vergessen hab.

Na, langsam werde ich schon komisch angeguckt. Kein Wunder, ich bin hier die Einzige, die normale Anziehsachen trägt. Gleich schicken sie mich weg. Ach, ich frag jetzt einfach jemand, wo ich bin. Die da vorne sieht nett aus. Die steht ja auch nur am Straßenrand und beobachtet den regen Verkehr. Sie sieht auch schicker aus als die anderen, die hier so rumhetzen. Aber um zu ihr zu kommen muss ich diese Straße überqueren. Wo kommen all diese vielen Kutschen her?

Iieeh, echt eklig diese Pferdehaufen. Man muss beinahe Slalom laufen, um ihnen auszuweichen. Oh, sie hat mich erblickt und schaut mich an, während ich direkt auf sie zusteuere. Sie mustert mich auch ziemlich misstrauisch. Ich werd echt langsam unsicher. Das ist doch alles seltsam.

„Hello, excuse me but could you tell me where I am, please?“, frag ich endlich diese Frau im schmalen blauen Kleid um Hilfe. Sie sieht mich immer noch argwöhnisch an und antwortet dann im perfekten British English: „We are standing at Regent Street, Miss. Right at the junction of Oxford Street. Pray tell me, have you been lost becoming the victim of a crime?“ ... -„No, why?“, frag ich verwirrt zurück. Sie möchte wissen, ob ich ausgeraubt worden bin? Sehe ich so schlimm aus? Ich meine, lost war ich, aber jetzt ja nun auch nicht mehr. Die Oxford Street kennt doch jeder. Ich frag mich nur, wie ich da hingekommen bin. Camdon Town ist nun wirklich nicht die Innenstadt und auf keinen Fall in der Nähe der Oxford Street. Sie sieht mich immernoch etwas ungläubig an, schüttelt kurz den Kopf (auf dem sie übrigens so etwas wie eine Haube trägt) und sagt dann auf englisch: „Nun gut, kommen Sie mit, Miss. Sie können nicht in diesem Aufzug hier herumstehen. Wir müssen Ihnen etwas Würde wiedergeben, denn Sie erregen schon Aufsehen. Folgen Sie mir, ich residiere nicht weit von hier.“ Wortlos folge ich ihr.

 

Ich kann verstehen, wenn du, lieber Leser, dass jetzt seltsam findest, dass ich ihr einfach so ohne Widerstand folge. Sie könnte jemand Verrücktes sein oder so. Aber mich hat dieser ganze seltsame Verlauf der Dinge so verwirrt, dass ich fühle, ganz gleich was ich tue, es wird nicht besser werden. Vielmehr wird es nur noch seltsamer. Es ist schon geschehen. Während wir die Straße entlanggehen, kann ich rein gar nichts Normales sehen. Keine Geschäfte, kein Starbucks, keine Doppeldeckerbusse oder Autos. Keine normalen Menschen! Alle tragen diese altmodischen Kleider und schauen mich misstrauisch an. Als ob ich eine Verbrecherin wäre. Der Film wird entweder in der ganzen Stadt gedreht oder wir laufen im Kreis. Wir sind nämlich schon eine ganze Ecke gelaufen. Ich dachte, sie wohnt nicht weit von hier! Gut, dass ich vernünftige Schuhe trage. Wobei mir fällt gerade auf, dass ich natürlich auch die Einzige bin, die hier mit Turnschuhen rumläuft! Wo sind die ganzen Kameramänner und Maskenbildner? Die müssten doch normal gekleidet sein! Niemand! Nur Schauspieler. Oder sind es doch keine Schauspieler? Träum ich vielleicht? Ich zwicke meinen Arm so fest, dass es weh tut. Nein, also kein Traum.

„Here we are“, sagt die Frau endlich als wir vor einem ziemlich schäbigen Reihenhaus stehen. Hier sieht irgendwie alles schäbig aus! Lauter heruntergekomme Häuser und die Straßen haben alle viele Schlaglöcher. Die elegante Frau balanziert die kleine Treppe zur Haustür hinauf, ich zögere aber noch. Langsam werde ich doch nachdenklich. Was geschieht hier nur? Wo bin ich gelandet? Sie klopft an diese Tür und als geöffnet wird, geht sie ohne abzuwarten hinein. Ein Dienstmädchen steht an der Tür und hält sie für mich offen. Es schaut mich aber nicht an. Ich stehe verloren herum und überlege. Was mache ich jetzt? Am besten ich verschwinde, solange ich noch kann. Ich gehe doch nicht in ein fremdes Haus, das fremden Menschen gehört! Aber es wäre echt unhöflich zu gehen, ohne sich wenigstens zu verabschieden. Sie war wirklich nett! Da kommt sie wieder und stellt sich abwartend vor die Tür. Ich hole Luft, um mich zu entschuldigen, doch dann erscheint noch so ein kostümierter Mann und sagt auf englisch: „Darf ich vorstellen: Miss Jane Austen, Tochter des Reverend George Austen.“ Und er deutet dabei auf die Frau! Erschrocken schaue ich von ihm zu ihr! Jetzt ist es soweit, ich verstehe gar nichts mehr! Ist das ein Blöff? Bin ich in eine dieser verrückten Versteckte-Kamera-Sendungen gelandet? Aber nein, das ist alles zu perfekt normal. Ich habe noch keinen Makel bemerkt und keine herumschleichenden, mich beobachtende Leute aus dem Backstage-Bereich. Außerdem sind im Fernsehen immer alle ganz tüchtig geschminkt und das ist hier nun wirklich nicht der Fall! Eher sehen die Leute alle ziemlich   unhygienisch aus.

 

„May I now ask, what your name is, now that you know mine?“, richtet die angebliche Jane Austen sich an mich. Ich merke plötzlich, dass mein Mund offen steht und stammele daraufhin: „Sorry, but is this really your name?“ Oh, das war unhöflich; ich werde von zwei Augenpaaren vorwurfsvoll angestarrt. „I am so sorry, my name is... Erm... Miss Maria Knightley“, sage ich schnell. Knightley hab ich mir jetzt natürlich nur schnell ausgedacht, mein deutscher Name ist viel zu kompliziert. Okay, okay, ausgedacht ist auch schon zu viel gesagt. Ich habe natürlich an Mr Knightley gedacht, der mir als erstes in den Sinn gekommen ist, als ich den Namen Jane Austen hörte.

Jane Austen bittet mich nun inständig ins Haus und ich kann es einfach nicht mehr abschlagen. Da daraufhin ein paar belanglose Dinge geschehen, fasse ich mich kurz. Ich werde in ein Zimmer gewiesen, wo ein Kleid für mich bereit liegt und mir gleichfalls geholfen wird, dieses anzulegen. Es ist wunderschön und sehr schlicht. Wie eben zu der Zeit von Jane Austen Mode war. Außerdem wird mir noch eine Hochsteckfrisur gemacht, die mir ohne Frage auch sehr gut steht. Die Magd, die mir hilft, ist reizend und wundert sich entweder nicht über meine Unbeholfenheit oder ist zu höflich, sich etwas anmerken zu lassen. Nachdem ich also so hergerichtet worden bin, führt man mich in eine Art Wohnzimmer (ich nehme an, sie nennen es hier parlour) und dort erwartet mich Miss Austen.

 

Sie trägt ebenfalls ein anderes Kleid und sieht besonders anmutig aus. Ganz so wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Sie hat nun keine Haube mehr auf und ihre braunen Haare sind gekonnt zu einer geflochtenen Frisur hochgesteckt.

Wir setzen uns auf zwei gepolsterte Stühle, die nahe dem knisterndem Feuer stehen. Ich fühle mich zum ersten Mal richtig wohl.

„You are different“, stellt Miss Austen fest, mich musternd. Ich nicke. „Ich konnte es vom ersten Augenblick fühlen, als ich dich sah. Nicht wegen deiner seltsamen Kleidung, sondern wegen deines Auftretens. Du bist tatsächlich anders. Ich werde dich nicht fragen, wo du herkommst oder was du hier tust. Denn vermutlich weißt du es selbst kaum. Ich frage dich nur, was möchtest du wissen? Du scheinst langsam zu ahnen, weshalb wir uns begegnet sind. Während ich noch immer im Unklarem bin. Doch du scheinst auch Fragen zu haben, so gebe ich dir hiermit die Chance, sie zu stellen. Denn ich bin der Meinung, dass ich sogar wenn ich früge, keine Antwort bekäme, die mich befriedigen könnte“, schließt sie.

Interessant. Welche Fragen habe ich? Ich habe einen ganzen Haufen Fragen, aber ich möchte sie auch nicht vollkommen aus dem Konzept bringen und von Zukunft und Vergangenheit, Traum  oder Wirklichkeit faseln. Also beginne ich: „Warum bist du in London? Ich habe von dir gehört, möchte dich aber nicht in Verlegenheit bringen, denn ich weiß, du möchtest lieber unerkannt bleiben.“ Erfreut sieht sie mich an und antwortet strahlend: „Mein Bruder Henry musste für ein paar Tage in die Stadt und lud mich ein, mit von der Partie zu sein. Welchen der Romane hast du gelesen?“

„Alle natürlich!“, ruf ich. Oh, nicht zu sehr treiben lassen! Sie hat höchstens vier Bücher veröffentlicht! Zwei von ihren Romanen wird sie nie veröffentlicht sehen, denn davor stirbt sie leider. Wie schrecklich! Hoffentlich ist es hierfür noch nicht soweit!

Sie lächelt mich nachsichtig an. „Welcher gefiel dir am besten?“

„Sense and Sensibility natürlich! Das ist mein absolutes Lieblingsbuch! Marianne Dashwood ist eine solch glückliche Person. Sie lernt die Liebe als Einzige kennen und lebt frei nach ihr. Ohne Regeln, ohne Konventionen. Und das in der Zeit! In eurer Zeit, mein ich. In dieser Zeit also. Ja und, leider wird ihr das dann zum Verhängnis, aber dafür hat sie kennengelernt, was es heißt zu lieben. Nach der Harry Potter Phase, habe ich nur noch deine Bücher gelesen! Gelesen und geträumt! Du hast einfach wunderbare Charaktere erschaffen und wirst noch ein paar tolle erfinden! Mein Lieblingscharakter ist aber auf jeden Fall Mr Knightley. Er ist der perfekte Mann, nicht so wie Mr Darcy, wie alle anderen immer meinen. Du findest ihn auch am besten, oder? Oder welche Figur gefällt dir am meisten?“ Oh, ich drifte doch ein bisschen ab. Harry Potter? Wirklich? Was ist nur los mit mir? Wenigstens habe ich nur drei Bücher erwähnt. Oh nein, erst erschien Sense & Sensibility, dann Pride & Prejudice, aber dann wurde erst Mansfield Park veröffentlicht! An Emma schreibt sie vielleicht erst gerade und der Mr Knightley existiert bisher nur in ihrem Kopf! Ich weiß das doch eigentlich! Sie hat einmal in einem Brief geschrieben, dass sie befürchte, ihre Leser würden Emma vielleicht nicht mögen, da es für Pride & Prejudice zu wenig Witz habe, jedoch für Mansfield Park zu wenig Ernsthaftigkeit. Sense & Sensibility war ihr erstes veröffentlichtes Buch und Mansfield Park das dritte. Warum ist mir das eben nicht alles eingefallen?

„Nun, ich verstehe zwar nicht jedes Detail, das du darlegst, doch ich bin mir darüber im Klaren, welche von meinen Personen mir am meisten gefällt. Die Person, auf die ich meinen ganzen Stolz konzentriere, heißt Elizabeth Bennet. Sie ist die emanzipierteste Frau, die je aus meiner Feder entsprungen ist. Du sagtest, dir gefalle Mr Darcy nicht so gut wie Mr Knightley? Nun deinem zerknirschten Gesicht nach kann ich urteilen, dass du es beinahe zurücknehmen möchtest. Doch sei unbesorgt, obwohl ich meine Emma erst gestern erfolgreich verkauft habe und du somit nichts von ihr wissen dürftest, habe ich dir doch schon mitgeteilt, dass ich dir sogleich ansehen konnte, dass du anders seist. Sage mir nur noch eins: Gefällt dir denn auch die Zähmung der Marianne zur Vernunft? Denn ich muss zugeben, dass nicht alle mit meinem Ende für Marianne einverstanden waren. Colonel Brandon wird nicht oft so geschätzt wie er es verdienen mag.“ - „Ganz genau! Leider muss ich sagen, dass ich das Happy End gar nicht gut finde. Ich hätte mir vielmehr gewünscht, dass Marianne jemanden ihres Wesens Ähnlichen findet. Also auch jemand, der gleichaltrig ist oder zumindest die gleiche Leidenschaft wie sie empfinden kann. Der Colonel erfüllt das alles nicht, schon gar nicht im direkten Vergleich mit Willoughby“, erwidere ich. Jane Austen schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Bedenke doch, dass Marianne nicht mehr Dieselbe wie zu Beginn ist. Sie hat sich geradezu grundlegend verändert seit dem Herzschmerz über Willoughby und ihrer darauffolgenden schweren Krankheit. Sie ist vernünftig geworden, hat Sense entwickelt. Ihr ganzes Wesen hat sich umgewandelt und sie ist zudem glücklicher geworden. Sie hat sich an Elinor orientiert und hat somit Frieden gefunden.“ Ich will mich kaum gegen diese wunderbare Frau auflehnen, die sich natürlich viel mehr Gedanken um die Geschichte gemacht hat als ich. Doch: „Aber ich finde gerade das ist der Fehler am Ende! Dass jemand wie Marianne, jemand der so leidenschaftlich liebt und lebt, von heute auf morgen plötzlich einen solchen Sinneswandel bekommt! Sie hat immer über den Colonel gespottet! Und plötzlich verliebt sie sich in ihn? Aus purer Dankbarkeit? Ist das nicht zu sehr rational gedacht? Welche Frau mit Leidenschaft verliebt sich aus bloßer Dankbarkeit? Nein, das habe ich nie verstanden“, schließe ich. „Vielleicht muss ich dir ein wenig Recht geben“, beginnt Jane Austen nachdenklich, „Du hast Recht bezüglich der Annahme, dass ich dort sehr rational vorgegangen bin. Nevertheless, ich denke, es ist genau der richtige Abschluss für dieses Buch. Obendrein ist es auch, was der Leser erwartet. Denn nach Colonel Brandons langem, mühseligen courtship sei es ihm gegönnt, seine Früchte einzusammeln.“ Ich seufze und sie lacht. „Nun gut, einigen wir uns darauf, dass es in jedem Fall ein Happy End für unseren Colonel ist. Doch über Mariannes Herz lässt sich wohl streiten, obwohl ich dies nahezu deutlich als für sie glückliches beschrieb. '(...) her whole heart became, in time, as much devoted to her husband, as it had once been to Willoughby.' Doch muss ich dort einräumen, dass möglicherweise meine Rationalität etwas Überhand genommen hat“, schließt sie ab.

 

Falls sich jetzt jemand fragt, worüber wir so lange reden können, dann muss ich demjenigen eingehend die Lektüre von Sense & Sensibility empfehlen! Es ist wirklich das schönste und beste Buch, das ich je gelesen habe! Natürlich mag ich es von nun an noch mehr, da ich mit ebendieser Autorin darüber diskutiert habe! Um darauf noch einmal zurückzukommen – bin ich verrückt geworden? Wie kommt es, dass ich mich ohne Weiteres mit der größten englischen Schriftstellerin gemütlich beim Feuer in einem englischen parlour, eingehüllt in Regency-Kleidern, über mein Lieblingsbuch unterhalten kann?

 

Plötzlich wendet Jane Austen sich eindringlich an mich und sagt: „Ich sehe, dass dir die Unterhaltung gefällt und ich muss dir gestehen, dass auch ich meine Freude daran habe. Doch wie du vormalig richtig angedeutet hast, möchte ich als Autorin unerkannt bleiben. Darob suche ich dich um den Gefallen zu bitten, dieses Gespräch niemanden gegenüber zu enthüllen. Solange ich lebe, habe ich mir zum Ziel gesetzt, den Ursprung meiner Feder zu verheimlichen. Ich bitte dich, dieses zu akzeptieren.“ Ich versichere ihr sofort, dass ich solange sie lebe, niemals jemandem von ihr erzählen würde und verrate doch nicht, wie ich diese Bitte in meiner Welt sehen kann. Denn so glücklich ich auch gerade bin, so weiß ich auch, dass ich nicht hierher gehöre. Und in meiner Welt, oder sollte ich sagen, Zeit lebt dieselbige Jane Austen leider nicht mehr. Daraus erschließt sich, ich darf die Geschichte von der Begegnung mit ihr wiedergeben ohne mein Wort zu brechen. Fragt sich nur, ob mir jemand Glauben schenkt.

Wie sehr wünsche ich mir gleichzeitig, dass Jane Austen noch viele Jahre leben wird! Sie ist so ein wunderbares Geschöpf und kann zudem so Wundervolles erschaffen! Sie wird unglücklicherweise nur 41 Jahre alt werden und kann nur sechs Romane vollenden.

 

Währenddessen mustern wir uns beide im gedämpften Schein des Feuers. Ich frage mich, für wen sie mich inzwischen hält, als ihre Augen langsam zu meiner Hand mit dem neuen Ring wandern. Plötzlich wird mir heiß und ich bekomme ganz schwitzige Hände. Was wenn, der Ring der Schlüssel ist und mich hierher gebracht hat? Es ergibt plötzlich alles einen Sinn! Er sieht wirklich genau so aus wie der ihrige! Ich habe ihn an die Hand gesteckt und plötzlich stand ich in dieser komischen Gasse! Der Ring scheint ihr zu gefallen. Als ich ihn mit meiner anderen Hand zu verdecken versuche, schaut sie mich erstaunt an und fragt: „Warum versteckst du einen so schönen Ring? Ich würde ihn gerne einmal näher betrachten, darf ich? Nur für einen kurzen Moment.“ Oh, nein! Heißt das, wenn ich ihn abnehme, verschwinde ich? Ich halte ihr meine Hand hin, um das Schicksal nicht herauszufordern. Sie nimmt meine Hand und ohne, dass ich viel Einspruch erheben kann, zieht sie mir den Ring vom Finger. Das Letzte, was ich sehe ist ihr erschrockener Blick, der mich verfolgt, vermutlich in dem Moment, da ich aus dem Zimmer verschwinde.

 

Ich stehe wieder auf dem Markt mit den Taschen- und Schmuckständen. Traurig betrachte ich meine ringlose Hand. Das laute Treiben um mich herum nehme ich kaum wahr. Ich bin nicht so sehr um des Verlusts des Ringes selbst betrübt, sondern um die Möglichkeit mein ewiges Vorbild jemals wieder zu sehen gebracht worden zu sein. Ich hatte noch so viele Fragen. Noch nicht einmal ansatzweise habe ich das Pensum meiner Fragen ausgeschöpft. Wir haben ja bloß kurz über Marianne Dashwood gesprochen. Was ist mit all den anderen interessanten Figuren? Elizabeth Bennet ist ihre Lieblingsfigur, darauf bin ich überhaupt nicht eingegangen! Wie enden ihre unvollendeten Werke? Hat sie noch mehr Ideen? Was ist mit ihrem eigenen Leben? Hat sie jemals so geliebt wie all ihre Heldinnen? - Auf einmal werde ich grob angestoßen. Eine ältere Dame beginnt sich auf der Stelle zu entschuldigen, doch als sie mich anblickt, unterbricht sie sich. Sie ruft begeistert aus: „Sie schauen ja aus, als ob Sie aus einem Jane Austen Roman herausgeschlüpft wären! Have you ever heard of Jane Austen, dear?“ Ich gluckse und antworte: „Oh ja, das habe ich! Sie hat noch meinen Ring!“

 


 

Preisträgerinnen

1. Preis - Paula Wand, 17 Jahre, Apolda

2. Preis - Antonia Kraus, 17 Jahre, Meiningen

3. Preis - Eva-Maria Kilian, 21 Jahre, Erfurt

4. Preis - Anna-Franziska Meyer, 21 Jahre, Remptendorf

5. Preis - Mirjam Winkler, 16 Jahre, Wurzbach

 

Mehr zum Thema

Schreibaufruf "Gesucht werden"

Preisverleihung Schreibwettbewerb

Preisträger des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

 


Zurück

Einen Kommentar schreiben