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Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V.

Mirjam Winkler

31.01.2013 - 21:00:43 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Mirjam Winkler - Preisträgerin des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

Preisträgerin Mirjam Winkler (links)
Preisträgerin Mirjam Winkler

5. Preis


 

Furchtlos

August 1545, Brest, Frankreich

 

Um meine kleine Schwester Marie vom Nervenfieber zu heilen, musste ich schnell Geld für Medizin auftreiben. Unsere Eltern starben vor sechs Monaten an Syphilis; wir lebten in Armut bei der Großmutter. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich helfen könnte, bis ich einen Zeitungsfetzen fand. Es war nur die Hälfte lesbar, doch mir kam eine Idee: “Irische Piraten […] Kapitän Gran[…]”. Laut dem Artikel würde dieser Pirat mit seinem Schiff “Neamheaglach” hier demnächst anlegen. Meine Chance!

 

Am Hafen war viel Betrieb. Ich schlenderte vorbei an geschäftigen Matrosen. “Na, Junge, willst du auf hohe See? Wir brauchen noch kräftige Arme”, sprach mich einer an. Ich entgegnete mit tiefer Stimme: “Nein, ich… warte auf jemanden.” Gut, man hielt mich für einen Jungen. Die langen Locken hatte ich gekürzt und die Brust abgebunden. Als ich zum Zeitvertreib die exotischen Gesichter von Händlern und Fremden auf dem Markt beobachtete, stieß ich gegen jemanden. “Tollpatsch”, ertönte ein seltsamer Akzent. “Pardon…”, stammelte ich zu der Person meines Alters. Die Haare waren kurz und schwarz; die grauen Augen durchbohrten mich. Er schob mich genervt stöhnend zur Seite und ging. Ich sah ihm nach. Die Glocken erklangen. Ein Blick auf die Turmuhr: Drei Uhr. Das Schiff, dachte ich. Schnell bahnte ich mir einen Weg zurück. Ich lief die fünf Schiffe dort ab, den Blick aufs Heck gerichtet. Beim vierten gab ich die Hoffnung beinahe auf. Doch da! Am letzten die gesuchte Schrift: “Neamheaglach”. Ich war aufgeregt – was, wenn mein Plan misslang? Wenn sie keine Matrosen mehr brauchten oder man mich doch als Mädchen enttarnte? Ich hätte es zumindest versucht. Der besorgten Großmutter hatte ich versprochen, nicht ohne das Geld wiederzukehren. Nun musste ich zu meinem Wort stehen. Plötzlich kamen zwei junge Männer auf mich zu. Der Rothaarige sprach in fremder Sprache zu mir. Ich sah ihn verständnislos an. Er überlegte kurz. “Trägst du…”, er zeigte auf eine Kiste, “…auf Schiff?” Ich nickte unsicher. Er und der Blonde nahmen sich jeweils eine und liefen zur Neamheaglach. Ungläubig schaute ich ihnen nach. Sollte es so einfach sein? Schnell nahm ich die Kiste und folgte. Mit Hilfe der ganzen Crew war bald alle Ware an Bord. Dort sah ich mich um. Meine erste Schifffahrt. Die Männer hier schienen zäh und sympathisch. Wie der Kapitän wohl aussah? Groß, mit breiten Schultern und Vollbart bestimmt! Der Blonde von vorhin trug mir auf, Nahrung unter Deck zu schaffen und Rum zu holen. Auf dem Weg herunter merkte ich, wie sich der Boden plötzlich neigte. Wir legen ab, dachte ich und mir wurde mulmig zumute. Zitternd griff ich nach einer Flasche, ging tief Luft holend wieder hoch und stellte sie auf den Boden. Etwas hilflos sah ich mich um. Eine frische Brise fuhr durch mein Haar. “Willkommen an Bord”, sagte jemand hinter mir. Ich lächelte den Rotschopf an, er lehnte sich neben mir an die Reling. “Schon Captaen getroffen?” Ich schüttelte den Kopf und sah ihn erwartungsvoll an. “Kommt gleich! Ich bin Rowan. Der Blonde ist Bairre. Wie heißt du?” - “Ave…”, ich stockte und räusperte mich schnell. “Adrien.” – “Wie alt?” – “Vierzehn.” – “Schönes Seemannsalter”, sagte er grinsend. “Kochst du gut?” Ich erschrak. Hatte er etwas bemerkt? “Naja…”, antwortete ich unsicher. “Bestimmt. Sie hat dafür ein Gespür.” Das verstand ich nicht, doch ließ ich mir nichts anmerken. Ich beobachtete meine am Horizont verschwindende Heimat. “Ah, der Captaen”, sagte Rowan. Vom Brückendeck schritten ein älterer Mann und ein hübscher Junge mit hellen Augen. Es war… der Junge vom Hafen! Ein Teil der Crew! Hoffentlich nahm er mir den Zusammenstoß nicht mehr übel. Der Mann musste Gran sein. Groß und dünn, mit grauen Strähnen im Haar. Sie kamen zu uns. Mit gestreckter Brust und gehobenem Kinn sagte ich zu dem Mann stolz: “Captain? Ich bin Adrien und will hier anheuern.” Er machte große Augen und schaute verblüfft zum Jungen, welcher anfing zu grinsen. Verstand er meine Sprache nicht? Ich machte Handgesten. “Sie kann dich verstehen”, unterbrach mich Rowan. Wie bitte? “Wieso sollten wir noch jemanden brauchen”, fragte der Junge provokant. Was mischte er sich ein? “Rowan sagt, du wärst die Kochaushilfe. Unmöglich. Du bist viel zu jung dafür.” Hilflos wandte ich mich an Rowan. “Warum sagt der Captain nichts?” Rowan stutzte. “Oh, du dachtest Niall wäre…” Er verfiel in lautes Gelächter. Der Junge musterte mich mit ernstem Blick. “Du… der Captain”, staunte ich. “Unsere Grania”, strahlte Rowan. “Ein MÄDCHEN”, rief ich entsetzt. “Wir ähneln uns”, sprach er, nein, sie geheimnisvoll. “Als blinder Passagier entscheiden deine Kochkünste, wie lange du bleibst.” - “Captain… Grania, ich…”, begann ich. Sie kehrte um und ging. Überwältigt blieb ich zurück. Es war schon spät, die Sonne versank im Meer. Ich indessen versank in Gedanken. Wie es wohl Marie und Mamie erging? Hoffentlich war es nicht zu spät. “Zeit zu schlafen, auf zu den Kojen! … Immer noch geschockt? Wir in Irland trennen die Geschlechter nicht so streng!” Benommen nickte ich und folgte Rowan unter Deck. Er wies mir meine Hängematte zu und wünschte gute Nacht. “Du wirst sehen: Das Leben auf See wird nie langweilig und erst recht nicht mit Grania als Captaen!” Ich bedankte mich und schloss die Augen. Noch immer beschäftigten mich viele Fragen: Käme ich rechtzeitig nach Hause? Was kochte man auf einem Schiff? Und ahnte Grania etwas? Irgendwann hatten sich alle schlafen gelegt, eine kleine Kerze brannte noch auf dem Tisch. Von lautem Schnarchen untermalt, sah ich plötzlich einen Schatten an der Wand. Dielen-Knarren folgte. Und ehe ich mich versah, stand Grania vor mir. “Komm”, sagte sie nur. Ich beeilte mich, ihr zu folgen. Vom Deck aus konnte man den Sternenhimmel sehen. “Wer bist du”, fragte sie abseits der Nachtwache. “Adrien…” – “Vor den Männern wollte ich dich nicht bloßstellen, doch jetzt sag die Wahrheit, sonst schicke ich dich über die Planke.” Ich schluckte. Sie wusste es also. “Ich heiße Aveline”, gestand ich. “Was willst du hier?” Ich holte tief Luft und erzählte ihr die ganze Geschichte. Grania hörte aufmerksam zu. “Dein Plan ist leichtsinnig und undurchdacht.”  Verlegen schaute ich zu Boden. Sie würde mich beim nächsten Festland absetzen. “Na gut, du bist mutig. Du kannst bleiben und ich verspreche, dein Geheimnis zu wahren. Du stehst unter meinem Schutz. Dies gilt aber nur, wenn du hart arbeitest und dich gut anstellst.” Sie erlaubte mir zu bleiben? “Vielen Dank! Ich werde mein Bestes geben!” Ich wollte sie umarmen, doch sie blockte ab. “Offiziell bist du ein Junge; deshalb verhalte dich auch so!” Dann kehrte sie um und ging zur Kajüte. Da fiel mir ein: “Was heißt eigentlich Neamheaglach?” Sie drehte sich um. “Furchtlos.” Ein Lächeln? Weg war sie. Ich beobachtete das Spiegelbild des Mondes im Wasser. Ab dem Tag darauf war ich Schiffskochjunge. Ich würde Grania nicht enttäuschen! Und vielleicht gewann ich ja nicht nur Medizin für Marie, sondern auch eine neue Freundin? Nur der säuselnde Wind kannte die Antwort.

 


 

Preisträgerinnen

1. Preis - Paula Wand, 17 Jahre, Apolda

2. Preis - Antonia Kraus, 17 Jahre, Meiningen

3. Preis - Eva-Maria Kilian, 21 Jahre, Erfurt

4. Preis - Anna-Franziska Meyer, 21 Jahre, Remptendorf

5. Preis - Mirjam Winkler, 16 Jahre, Wurzbach

 

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