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Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V.

Paula Wand

31.01.2013 - 21:03:16 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Paula Wand - Preisträgerin des Schreibwettbewerbs "Gesucht werden"

Preisträgerin Paula Wand
Preisträgerin Paula Wand

1. Preis


 

Täglich

Oder

Der Wahn vom Tintenrausch

 

Der Zug rattert heute irgendwie ganz besonders laut. Die Brillengläser des Mannes vor mir zittern beträchtlich. Ich kritzele gedankengefunden Buchstaben vor mich hin, die noch zerknitterter aussehen, als das Blatt darunter. Johann scheint es nicht anders zu gehen. „Wir galoppieren geschwind!“ – Er jauchzt vergnügt und seine Zungenspitze schaut aus seinem Mundwinkel hervor. Der Kuli meiner Versicherungsfirma scheint ungewohntes Schreibwerkzeug für ihn zu sein. Er fummelt geistesabwesend immer wieder an dem hinteren Schnippdingens rum. Seine Stirn sieht aus wie ein gewellter Teppich, der nach Jahren endlich wieder ausgeschüttelt werden will.
Wenn man das Fenster öffnet, dann spuckt der Tag einen milchig grauen Schleier ins Abteil. Ein Mann mit Hut beschwert sich lautstark und dennoch unverständlich. Für mich das Zeichen, den Fahrtwind besser schnell wieder auszusperren.
Schwarzer Kaffee schwappt aus dem bahnroten Pappbecher auf meinen Pulli. Fasziniert beobachte ich, wie der Fleck magisch mit dem grobmaschigen Stoff verschmilzt und dabei immer größer wird. Ich lehne mich zurück an die klebrige Kopfstütze, schließe die Augen und genieße das Dunkle mit all seiner Farbe. Und zwischen dem Schwarz, da schauen wir uns nach und nach neue Lichter aus. Wir zusammen, nicht durch einen Latextisch getrennt. Wir schaffen uns eine eigene Götterwelt, sind jedoch dort nicht ganz allein. Aus unseren Fingern fließen Töne, Pastell und Violinenlett, die Landschaft ist verwunschen. Wir haben sie zusammengestellt aus unserer beiden Geschichten. Auch wenn seine Teile bei weitem größer sind und eine kräftigere Farbe haben, so sehe ich hier und dort ein oder zwei meiner eigenen Wörter spazieren. Sie haben sich an den Händen gefasst, passieren weite Liebesfluchten, nehmen Reißaus vor dem Leben – einem grauzahnigen Tier mit langen Zotteln. Einem Tier, an dessen Krallen aufgespießte und zerfetzte Träume baumeln. Sie beginnen zu rennen in einen hohlen Wald, das himmlische Kind mit seinen Säbelzahntigern jagt ihnen nach. Schrecklich, am Traumhorizont erscheinen seine müden Augen, sehen entzückt oder entsetzt – ich kann es nicht deuten, auf das Fantasierte herab. Meine Wörter sind dem unbarmherzigen Leben hoffnungslos ausgeliefert, so wie Zauberer Zalandoos Pappkartons. Ich will nicht weiter Löcher in die Luft starren und darauf warten, das neue Wesen aus ihnen hervor steigen. Ich will sie endlich vor mir haben. Und eigens mit meinem Schwert aus Flimmerpapier gegen sie kämpfen, Johann beweisen, dass auch ich es mit ihnen aufnehmen kann. Zeigen, dass ich mich durch jedes gewaltige Wortgefecht zu kämpfen bereit bin. Den seinigen will ich die  Hölle heiß machen, sie mir unterwerfen und aus ihren alten Zwängen befreien! Und dann… Dann die aus den Höhlen all der anderen Sklaventreiber. Ich würde sie gut pflegen, damit sie mir nicht mehr weglaufen. Und mich schließlich auch so sehr lieben, wie ich sie an den meisten Tagen.
Ein Riss in der bunten Fassade.
Ich drehe mich im Kreis, wie in einem Strudel gefangen, lege Schild und Rüstung nieder.
Mein Traum ist gestoppt worden. Ich blinzele verwirrt ins Neonlicht.
Schemenhaft erkenne ich ihn vor mir. Ein zerzauster Dichter, wie er im Buche steht. Er lächelt mir zu und lässt sein Notizheftchen aus künstlichem Pergament in seinem Sakko verschwinden. Mit einem kratzigen Geräusch wird der Kugelschreiber über das Tischchen geschoben. Er nickt nochmals, wie zur eigenen Bekräftigung und hält mir dann die Hand hin. Ich greife danach und ich greife ins Nichts.
Wieder ist er gegangen, bevor ich ihm aus meinen Gedanken auch nur einen Satz hätte formulieren können.

Es frisst mich auf, dass selbst meine Fantasie mir nicht ein Gespräch mit einem großen Künstler erlaubt. Nicht mal mit einem, der gar kein Vorbild ist, aber zahlreiche geschaffen hat.
Ich steige die hohen Roststufen hinunter und verschwinde in der schnaufenden schwarz-weißen Masse. Allein. So wie jeden Tag.

 


 

Preisträgerinnen

1. Preis - Paula Wand, 17 Jahre, Apolda

2. Preis - Antonia Kraus, 17 Jahre, Meiningen

3. Preis - Eva-Maria Kilian, 21 Jahre, Erfurt

4. Preis - Anna-Franziska Meyer, 21 Jahre, Remptendorf

5. Preis - Mirjam Winkler, 16 Jahre, Wurzbach

 

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