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Lesereise Thüringer Autoren in Finnland

25.11.2011 - 14:11:47 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Lesereise nach Finnland im Oktober 2011

Lesereise Finnland – Ein Bericht über vier Tage voller Eindrücke

Lesungen in einem anderen Land, dessen Sprache ich nicht spreche? Schreibwerkstätten mit Schülern, die erst seit kurzer Zeit meine Sprache lernen? Groß war die Aufregung im Vorfeld, aber die Bilanz der drei Tage lautet: Wir wurden sehr herzlich aufgenommen, es waren wunderbare Begegnungen, die Lesungen und Schreibwerkstätten kamen sehr gut an – sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern. Wiederholt wurde uns gesagt, dass es sehr interessant war, gleich drei Autoren hören und erleben zu können. Ein großes Dankeschön also an alle, die sich an der Finanzierung und Organisation beteiligten, einen besonderen Dank an Jan Quilitzsch, der uns an die Hand nahm, uns zu den Veranstaltungsorten und Hotels fuhr und uns mit den Veranstaltern und Gästen in Kontakt brachte.

Hier eine Übersicht über die Tage in Finnland:

2. Oktober 2011 – Anreise und erste Begegnungen

Jan Quilitzsch holte uns vom Flughafen Helsinki ab und fuhr uns nach Turku, wo wir gleich in einen Bus stiegen, um gemeinsam mit den Mitgliedern der Finnisch-Deutschen Gesellschaften die diesjährige Europäische Kulturhauptstadt Turku zu besichtigen.
Da wir in der ersten Nacht mit den Vorständen der Finnisch-Deutschen Gesellschaften (die gerade ihre Jahrestagung hatten) in einem Hotel übernachteten, kamen wir schon am ersten Abend mit einigen unserer Zuhörer vom nächsten Tag ins Gespräch. Sehr verwirrend der Blick auf die Speisekarte. Da gab es nicht den leisesten Anhaltspunkt, was sich hinter diesen fremdländischen Worten verbarg. Die einzige Speise, die wir deuten konnten, war Crème Brûlée, woraufhin Thomas beschloss, das viermal zu bestellen, was ein ausreichendes Abendessen ergäbe. Zum Glück hatten wir Jan dabei, der uns beim Bestellen half. Crème Brûlée gab’s dann auch, aber nur eine Portion.

3. Oktober 2011 – Volles Programm

Die erste Lesung absolvierten wir für Erwachsene und Studenten, dabei waren auch Mitglieder der Deutsch-Finnischen Gesellschaften und des Goethe-Institutes. Der Raum war mehr als gut gefüllt, noch nach Beginn strömten Gäste in den Saal.
Kein Zweifel, unsere Lesungen fanden Anklang. Und natürlich wurden wir gefragt, ob wir das erste Mal da seien (was auf Rainer und mich zutraf, während Thomas etliche Bekannte aus früheren Begegnungen im Publikum fand) und ob wir gern wiederkommen würden.
Nach dem Mittagessen (das in Finnland übliche und praktische Buffet zur Selbstbedienung) lasen wir für Schüler der Mittelstufe. Auch diese Lesung war gut gelungen.
Im Anschluss nahmen rund zwanzig Schüler an meiner Schreibwerkstatt teil. Im Vorfeld hatte ich mit der jungen, sehr engagierten Lehrerin besprochen, dass innerhalb einer Stunde nicht mit kompletten Geschichten zu rechnen sei. Umso erstaunter und erfreuter war ich, als einige Schüler am Ende der Werkstatt ihre Geschichten bzw. ihre Geschichten-Anfänge vorlasen. So unterschiedliche Ergebnisse zu erzielen nach dem Impuls, den ich als Schreibanregung gegeben hatte, das war für alle Beteiligten ein tolles Erlebnis.
Mit der Lehrerin besprach ich, dass es schön wäre, wenn an diesen Anfängen weiter gearbeitet werden würde. Das hatte sie ohnehin vor und wollte auch versuchen, einige Geschichten in einer Zeitung abdrucken zu lassen – was für die Schüler ein schöner Ansporn und Anerkennung wäre. Außerdem bat ich sie darum, einige der fertigen Texte an mich zu schicken.
Nachdem wir ein Hotel (na, nennen wir es mal so) im Stadtzentrum Turkus bezogen hatten, warfen wir einen kurzen Blick in die moderne, großzügig eingerichtete Bibliothek von Turku und begaben uns dann zum Empfang des deutschen Botschafters anlässlich des Tages der Wiedervereinigung. Dieser Empfang fand auf einem deutschen Militärschiff, das in Turku vor Anker lag, statt. Bizarr, merkwürdig, beklemmend.

4. Oktober 2011 – Schönes Programm

Zwei Stunden fuhren wir mit dem Linienbus durch den finnischen Herbst, von Turku nach Helsinki. Dort brachte uns Jan zur Villa Kivi, wo wir für sehr aufgeweckte Drittklässler lasen. Das war ein richtig großes Vergnügen, ebenso die anschließende Schreibwerkstatt. Da es für eine Werkstatt zu viele Kinder waren, wurden sie in zwei Gruppen geteilt, wovon ich eine übernahm. Auch diese Werkstatt war so lebendig, dass ich es bedauerte, diesmal nur rund vierzig Minuten zur Verfügung zu haben. Und dennoch wollten am Ende fast alle Kinder ihre Texte vorlesen.
Auch die Lehrerin dieser Kinder habe ich gebeten, mir ein paar Ergebnisse zuzusenden. Die Lehrerin sagte, dass diese Werkstatt sehr gut passte, weil sie oft mit den Kindern Geschichten schreibt und gerade eine abgeschlossen hatte. Und nun könnte an den angefangenen Texten weiter gearbeitet werden. Zum Spät-Mittagsbuffet gingen wir in eine Gaststätte, die uns in blau-weißer Dekoration empfing – diesmal nicht als finnische Landesfarben, sondern als bayrische Oktoberfest-Dekoration.
Da noch etwas Zeit blieb, bis wir das vollautomatische Hotel beziehen konnten, führte uns Jan durch Helsinki, zeigte uns einige Sehenswürdigkeiten, den Markt am Hafen, die Markthalle.
Am Abend waren Rainer und ich bei einer Lesung von Ingo Schulze. Nachdem er ein paar Kapitel aus „Adam und Evelyn“ gelesen hatte, las der finnische Übersetzer ebenfalls ein Stück daraus. Interessant war, was Ingo Schulze über die Zusammenarbeit mit einer ganzen Gruppe von Übersetzern (in unterschiedlichsten Sprachen) erzählte und wie er seinen eigenen Text mit anderen Augen betrachten musste, um die Fragen der Übersetzer beantworten zu können.
Im Anschluss zeigte Frau Dr. Christiane Lange von der Literaturwerkstatt Berlin zahlreiche kurze Videofilme, die zu Gedichten entstanden – sehr spannend!

5. Oktober 2011 – Pflastertreten und Heimreise

Schön, dass der Heimflug erst am Nachmittag war, so blieben ein paar Stunden, kreuz und quer durch Helsinki zu laufen.
Im Flugzeug saß Suse Weisse von „Fabula Drama“ vor mir, die gerade von einem Erzähler-Festival zurückkam.

Anstrengend war's. Schön war's.

Ingrid Annel



Lesung in Finnland 2011   Lesung in Finnland 2011   Lesung in Finnland 2011   Lesung in Finnland 2011



Der Duft von Finnland

- eine Liebeserklärung -
geschrieben im Zeitraum meiner Lesetour im Oktober 2011

Ich gönnte mir mit dem Schiff nach Finnland zu fahren, mich fahren zu lassen, vielleicht weil ich in meinem Vorleben Heringsfischer war, wer weiß, saß die ganze Zeit an Deck im strahlenden Sonnenschein und ließ mich über die Ostsee schippern, freute mich auf Helsinki, Turku, Tampere, Lapeenranta, auf alte Bekannte, war neugierig auf die kommende Lesetour, neugierig auf Jan, der das alles organisiert hatte, neugierig auf die beiden Kollegen, saß an Deck und ließ meine neugierigen Gedanken schweifen, sah den Saunagängern zu, sah sie Bierbüchsen leeren und zerdrücken, malte mir das Bild der russischen Mafia an den Ostseehimmel, schrieb in Gedanken meinen ersten Krimi, beschloss, ihn dann wirklich zu schreiben, schlief hart und unruhig im Liegesessel.
29 oder vielleicht 31 Stunden später saß ich schon in der neuen Konzerthalle von Helsinki und lauschte Bartholdy, kaum zu Ende rief der Hering, ihn verspeisend strawanzelte ich durch die Stadt, schnüffelte mich durch die Lebensmittelabteilung bei Stockmann, als das Telefon klingelte, in dem Moment, wo mich die schöne Kassiererin fragte woher ich komme, Jan fragte am anderen Ende der Leitung, ob ich gut angekommen sei, er warte am Bahnhof, dort, wo die großen Männer Bälle tragen. Dort kam er dann auf mich zu, strahlend, wiegenden Schrittes, frisch; das war er also, und ab ging es in einem schwarzen Benz zum Flughafen, Kollegen abholen, ich brauchte meinen Espresso, Jan fing die Kollegen ein, und in schneller Fahrt ging's nach Turku. Erzählend und telefonierend ging's über den Highway, durch bunte Wälder, vorbei an Seen, aber keinen Elchen, zum Dom von Turku. Dort trafen wir die Ausflügler der deutsch-finnischen Gesellschaft, schön so viele davon zu kennen, freudiges Begrüßen auf den Stufen vom Dom. Passte ja zum Dom, worin viele deutsche Händler ruhen, deutsche Handlungsreisende in Sachen Literatur in Turku, der Kulturhauptstadt Europas!
Dann im Hotel, außerhalb der Stadt, vorbei an Schiffen, an der Burg, betrat ich das Foyer, dachte, ich bin im Sanatorium; auch nicht schlecht: Sanatorium für alternde Autoren, Wellness und Schonkost. Der Weißfisch war lecker, aber die Bilder, die ich sah, waren die eines zukünftigen Filmes. Sie wurden in meinem Gehirn abgespeichert und notiert in ein kleines Buch. Das Zimmer zum Wasser, das Zimmer mit Blick. Noch einen Schreibtisch rein und ich könnte bleiben und schreiben. Und der Espresso blubberte in meiner Espressomaschine, die mich ständig begleitet, vor sich hin, und ihn schlürfend blickte ich auf's Wasser, lauschte dem leichten Regen, sah das kleine Leuchtfeuer und freute mich. Ganz einfach!
Am nächsten Tag die Lesung in der alten Schule von Turku. Da saßen sie, tuschelnd, kichernd, neugierig. Solche Lesungen mag ich, solche wo man die Neugierde riecht, wo man die Offenheit der Jugendlichen spürt; schöne Atmosphäre in dem Raum, ein bisschen wie Museum.
Danach weiter in die Markthalle, kannte sie schon vom letzten Mal, ich liebe Markthallen, egal wo ich bin, muss ich nach ihnen Ausschau halten, durchstreife die Gänge, schnüffle, schaue, genieße, erfreue mich, fotografiere mit meinem Auge und meiner alten Kodak. So viele schöne Gesichter, so viele schöne Gestalten.
Durchstreife die Stadt, sehe nur noch Bilder, die ich in Geschichten einbauen werde, und saure leckere Beeren essend kehre ich in die Schule zurück.
Tag der deutsche Einheit, Feierlichkeiten, nicht irgendwo, nein, es wird auf dem Schlachtschiff 'Thüringen' gefeiert. Seltsam, Deutschland - Kulturnation, letzte Amtshandlung des Botschafters auf einem Schlachtschiff. Feiern zwischen Uniformen, peinlich berührt am Büfett stehend, kopfschüttelnd am Schokoladenbrunnen. Gibt es keinen anderen Ort, um den Tag der deutschen Einheit zu feiern? Das Kriegsschiff heißt jetzt Friedensschiff, und es sei alles ökologisch an Bord, ökologische Kriegsführung, welche Wertstofftonne soll's denn sein... Irgendwann sehe ich nur noch Karikaturen, höre falsche Pfiffe, wenn lederbemantelte sternetragende Männer das Schiff betreten, alles anscheinend absichtlich, vielleicht ist ja alles ironisch gemeint, nur ich hab's nicht kapiert.
Peinlich berührt verlasse ich das Kriegsschiff, strawanzle am Kanal vorbei, an den Joggern, die lachend und palavernd an mir vorbei ziehen.
Hotelzimmer in Turku, jetzt beginne ich meinen Krimi zu schreiben, ich juble, der Krimigroschen ist gefallen, das Hotelzimmer gab den Anstoß, danke. Ich frag mich nur, warum man in Finnland keine Hotelfenster öffnen kann; stürzen sich die Finnen mit Vorliebe aus Hotelzimmerfenstern? Keine Pflasterleichen mehr, gestürzt aus Hotelzimmern?
Am nächsten Tag mit dem Überlandbus nach Helsinki in die Villa Kivi, dem schönsten Leseort, dem schönsten Ort für Autoren. Villa Kivi, so schön, wie Du am Wasser liegst, so schön der Blick Alvar Aaltos Finnlandia Hall, so wunderbar, da drinnen Kindern vorzulesen!
Schon früher davon geträumt, da drinnen zu lesen, und jetzt steh ich da, dort, wo schon Generationen von Autoren gelesen haben. Ach, ist das schön! Ich glaube, dies ist einer der schönsten Orte für Literaten, sowohl zum Schreiben, als auch zum Lesen.
Bin dann weiter nach Lapeenranta, dort im Café Mejurska aus der alten Festung gelesen, auch das ist so ein Leseort, eigentlich müsste man für so etwas Sterne vergeben, so wie Restaurants, ich schlage 'Den goldenen Buchstaben' vor, eins, zwei, drei, vier und fünf goldene Buchstaben – für Leseatmosphäre, Betreuung, Lage, Essen, Publikum etc.

Die Tour endet langsam, schade, dass mein Schatz nicht dabei war, all die schönen Orte zu sehen, die bunten Herbstwälder, die roten Häusschen, die Markthallen, die Museen, die Freundlichkeit der Finnen, ihr verschmitztes Lächeln, das engagierte Treiben von Jan, die vielen schönen Dinge hier. Nun ja, so bring ich ihr eben kleine Geschenke mit. Beschließe meine Tour mit einem Gang ins Museum, um mir das Bild vom verwundeten Engel anzuschauen, daraus eine Filmgeschichte entstehen zu lassen und im Café Strindberg den letzten Kaffee zu trinken und Danke zu sagen an Jan, an die Veranstalter, an Helmut und all die Freunde in Finnland, und auch an die Ellen; jetzt sitze ich wieder zu Hause am Schreibtisch und hab noch den Duft von Finnland in der Nase...

Thomas J. Hauck



Ein Projekt des Friedrich-Bödecker-Kreis für Thüringen e.V.:
Lesungen für Jugendliche mit Schreibworkshop sowie Lesungen für Erwachsene im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms, des Festprogramms des Finnisch-Deutschen Vereins und der Universität der Stadt Turku, anlässlich des Tags der Wiedervereinigung.

Mitveranstalter:
Kulturzentrum Tampere/Kalevalan Schule
Goethe-Institut
Finnisch Deutsche Gesellschaft
Finnisch-Deutscher Verein Turku
Aue-Stiftung

Organisator in Finnland:
Musiikkiyhdistys All of Us ry
Kyösti kallion tie 4B 27
00570 Helsinki
Finnland

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