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Hannes’ Bistro

22.04.2010 - 10:56:00 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Neuer Roman von Autorin Anne Gallinat

29.03.2010
Die Welt spiegelt sich in Hannes’ Stehimbiss

von Matthias Biskupek Rudolstadt (tlz)

Es sind skurrile Gestalten, die dieses Buch von Anne Gallinat bevölkern. Romanfiguren, Zauberfiguren, biedere Leute, Messies, halbwüchsige Kriminelle, Hirnrissige, vom Leben Abgeschriebene. Im titelgebenden „Hannes’ Bistro“ versammeln sie sich, einem kleinstädtischen Stehimbiss zwischen vergilbten Fliesen. Darin steht der aus allen Hosenbünden quellende Hannes und macht jedem „ä Bierchen“. „Scheen nachenanner.“ Denn hier spricht man merkwürdig, wohl so, wie das Volk spricht, mit bildhaften Wendungen, verschliffenen Sätzen, zerfetzter Grammatik. „Anners, wie die Stadtoberen“.

Stadtrat Blücher zum Beispiel, der das Beste will, und dem die Stadt unter der Hand zerbröckelt. Herzi hingegen berlinert. Nicht weil sie aus Berlin ist, sondern weil sie es schick findet und glaubt, dass dies zu weißen Schuhen und grellgefärbten Haaren passt. Möslein wiederum spricht ein überkorrektes, altmodisches Deutsch; Möslein, der kleine verwachsene Mann, der sich eine kleine Frau und kleine Kinder wünscht, und dann als Kinderschänder in den Akten landet.

Die drei Geschichten, hier durch seltsamen Protagonisten verwoben, sind Beziehungsgeschichten: Die anrührende zwischen einem sprachlich und körperlich Behinderten und seiner verhuschten Freundin, der es dennoch durch und durch geht, wenn der Zigeuner Sultan aus dem Kosovo auftaucht. Die Liebesgeschichte zwischen dem schwerstgeschädigten Alkoholiker Dr. Docter und seinem Fahrrad, dem Ulrikchen. Und die Beziehung mehrerer von Sozialhilfe lebenden Familien zu ihren Wohnblocks am Waldrand, wo man im Hof gemeinsam Kaffee trinkt und Quark ohne Boden isst. Die Geschichten spielen vor und in Müllgebirgen, auf dem laut dröhnenden Marktplatz, in Asylbewerberkasernen, aber auch im dunklen Tann zwischen Felswänden. Die Szene: eine thüringische Kleinstadt am und im Wald.

Man merkt der Autorin ihre Herkunft aus der Filmbranche an. Kammerspiel und Große Bettleroper wechseln einander ab, Wortgefecht und Bildhintergrund geben reizvolle Kontraste, und gelegentlich marschieren auch mal etwas unmotiviert große Menschenmassen durchs Bild, allein eines schrottreifen Fahrrads wegen. Da geht es dann von der Stadt hinaus in Wald in Feld: man kann solches sich gut auf Leinwand oder Bildschirm vorstellen. Außenaufnahme, O-Ton, Kommentar aus dem off.

In Hannes’ Bistro blühen noch Eisblumen, bevor der Kachelofen bullert. Lugt da nicht irgendwo das 19. Jahrhundert hervor? Diese Welt geht zu Ende, man wird von Spekulanten aus der Wohnung gesetzt, die Lokalpresse steht auf der fortschrittlichen, also der menschenverachtenden Seite und irgendwann wird unrühmlich gestorben. Romantisch-kritischer Realismus mit einem Schuss Wehmut und einer Prise Trotz.

Anne Gallinat: Hannes’ Bistro, Roman, Greifenverlag zu Rudolstadt, 150 Seiten, 12,90 Euro

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