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Landolf Scherzer in Neustadt

22.04.2010 - 11:22:38 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Landolf Scherzer in Neustadt

22.04.2010

Mit belegten Broten Landolf Scherzer
nach Neustadt gelockt

von Peter Cissek Ostthüringer Zeitung

        Der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer liest in         der Stadtbibliothek Neustadt aus seinem neuen Buch           "Immer geradeaus - Zu Fuß durch Europas Osten".

        Und entdeckte einen neue Bescheidenheit.


In der Neustädter Bibliothek erzählte Schirftsteller Landolf Scherzer von seinem 500-Kilometer-Marsch durch Osteuropa. Und entdeckte einen neue Bescheidenheit.


Neustadt. Einen Rucksack mit einem Kompass hatte die Neustädter Bibliotheksleiterin Alexandra Junge dem Grenz-Gänger Landolf Scherzer vor Jahren nach seiner Lesung aus dem gleichnamigen Buch geschenkt. Die Kompassnadel war präpariert und zeigt ausschließlich auf N/O, um dem südthüringischen Schriftsteller den Weg nach Nord-Ost, nach Neustadt/Orla zu weisen. Am Montagabend war Scherzer diesem gefolgt, um in der Stadtbibliothek von seinem jüngsten Projekt zu berichten.

Hatte er als Grenz-Gänger über die Menschen entlang der früheren innerdeutschen Grenze geschrieben, so wanderte er im Sommer 2008 rund 500 Kilometer durch das Grenzgebiet von Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien. Mich hat es interessiert, wie in diesen Ländern die politische Wende ohne Kohl und ohne Treuhand gelungen ist und wie die Menschen dort leben.

Der Reportageschriftsteller erklärte dem Neustädter Publikum recht amüsant, wie er den Traktor-Fan Willi dazu überreden konnte, nicht wie geplant durch Afrika, sondern mit ihm durch Südosteuropa zu tuckern. Doch der Westtraktor Deutz, der den Ostwohnwagen Bastei auf einer 5000 Kilometer langen Reise ziehen sollte, kam nicht weit. Als Scherzer im südungarischen Thermalbadort Harkany aus dem klimatisierten Touristenbus stieg, wartete niemand. Nach einem Achsbruch am Traktor war der vorausgefahrene Begleiter Willi umgekehrt.

So wanderte Scherzer mit einer zwanzig Kilo schweren alten Kraxe auf dem Rücken zu Fuß los. Fünf Wochen lang durch die Donau-Ebene im Vierländereck, an endlosen Feldern vorbei durch staubiges Agrarland, meist am Rand vielbefahrener Straßen. In der Gluthitze steuerte ich alle vier bis fünf Kilometer ein Haus an, um meine Wasserflasche aufzufüllen. Von den Begegnungen unterwegs lebt sein neues Buch Immer geradeaus Zu Fuß durch Europas Osten.

Scherzer lässt die Menschen ihre Geschichten erzählen. Humor kommt dabei nicht zu kurz, aber nicht auf Kosten der Porträtierten. Seine Beobachtungen habe er in Notizbücher geschrieben und während des Gehens gut 50 Stunden auf das Diktiergerät gesprochen. Ich habe oft mit den Männern im Dorf einige Flaschen Bier getrunken, in der Hoffnung, in pensionslosen Orten eine Übernachtungsgelegenheit angeboten zu bekommen, antwortete der 69-jährige Autor einer Leserin in Neustadt und erzählte, was alles so schief ging.

Die Menschen, so arm sie auch waren, haben es Scherzer angetan. Er erzählt von einer fünfköpfigen Familie in Kroatien, die eine Zeit lang in Deutschland gearbeitet hatte. Nun muss sie von umgerechnet 100 Euro Sozialhilfe, Gelegenheitsjobs und dem leben, was sie in ihrem Garten anbaut. Nach dem Essen wurde das Zimmer abgedunkelt. Darin stand ein alter, selbst gezimmerter Tisch, darauf ein Lenkrad. Dann fuhr der Mann Autorennen und gewann das Videospiel. Er war Formel-1-Weltmeister. Alle saßen um ihn herum, staunten und waren glücklich. Zehn Familien habe er ein Belegexemplar geschickt, auch dem Rennfahrer. Ich denke, dass er sich darüber freut. Denn er hat sich bestimmt noch nie in einem Buch gesehen, sagte Scherzer auf die Frage eines Zuhörers und fügte an: Mit manchen Leuten schreibe ich mich noch.

Welche Bilanz er nach der Reise gezogen hat, wollte ein anderer Gast in der Stadtbibliothek wissen: Ich habe eine neue Art von Bescheidenheit entdeckt, die verschüttet worden war unter einem riesigen Müllhaufen von Konsum. Ich habe mich fast die ganze Zeit nur von Speck, Weißbrot, Paprika und Tomaten ernährt. Mal ein Stück Käse, mal ein Schluck Wein. Und es hat mir nichts gefehlt.

Inzwischen weiß Bibliothekarin Junge, dass sie keinen Rucksack voller Erinnerungsgeschenke mehr packen muss. Mit belegten Broten kann sie Scherzer ebenso nach Neustadt locken.

Landolf Scherzer: "Auf der Rückfahrt im Bus haben die Kurgäste von Weinabenden und anderen Erlebnissen berichtet. Ich konnte da nicht mitreden."


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