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Wenn Heimat plötzlich verloren geht

22.04.2010 - 11:06:57 von Ellen Scherzer (Kommentare: 0)

Annerose Kirchner stellt Gymnasiasten ihr Buch "Spurlos verschwunden" vor

28.03.2010

Wenn Heimat plötzlich verloren geht

von Lilian Klement Freies Wort Suhl

     Foto: frankphoto.de

 

Spurlos verschwunden": Annerose Kirchner stellt Gymnasiasten ihr Buch über geschleifte Dörfer vor

 

Suhl - Schulstunden wie diese stehen so zwar nicht im Lehrplan, doch sie vermögen Jugendlichen authentisch Einblicke in vergangene Geschehnisse zu geben, die sie sonst vielleicht nie wahrgenommen hätten. Weil sie im Vergleich zur großen Weltgeschichte zu klein sind. Oder weil sich vorher niemand kümmerte, diesen auf den Grund zu gehen. Bis es jemand mit Konsequenz tut.

 

Eigentlich ist es an diesem Vormittag eine Unterrichtsstunde der Zwölftklässler des Staatlichen Gymnasiums, die den Deutsch-Leistungskurs belegen. Dank der Idee ihrer Lehrerinnen Simone Spannbauer und Sylvia Skara wird daraus nun obendrein eine Stunde in jüngerer deutscher Geschichte. Eingeladen haben sie Annerose Kirchner. Geboren in Leipzig, aufgewachsen in Zella-Mehlis, gearbeitet beim Freien Wort, studiert am Literaturinstitut in Leipzig und seit 1979 in Gera wohnend. Die Lehrerinnen meinen, es verbinde sich gut für ihre Schüler, ein interessantes Buch und eine Schriftstellerin mit hiesigen Wurzeln kennen zu lernen.


 Eigentlich Lyrikerin

 

Kirchner ist eigentlich von Haus aus leidenschaftliche Lyrikerin mit zahlreichen Veröffentlichungen. Auch Prosatexte stammen aus ihrer Feder. Doch vor einiger Zeit begab sie sich auf anderes Terrain: Sie hat Lebensgeschichten von Menschen aufgeschrieben, die sich mit einem lange verschwiegenen Kapitel der DDR-Geschichte verbinden. Menschen, deren Dörfer geschleift, Landschaften zerstört und verseucht wurden, weil dort ein Schatz lagerte: Uran.

 

In Thüringen, im Vogtland, im Erzgebirge gab es enorme Vorkommen davon. Das hatten die Russen, die nach dem 2. Weltkrieg den Osten Deutschlands besetzten, schnell herausgefunden, und es kam ihnen sehr zu pass. Uran brauchte man für Atombomben. Die erste hatten die Amerikaner im August 1945 gezündet, der militärische Wettlauf war damit in Gang gesetzt. Die Russen wollten gleichziehen. Dem heißen Krieg folgte ein langer kalter.

 

Bevor Annerose Kirchner zu ihrem Buch kommt, schreibt sie für die Schüler das Wort "Wismut" an die Tafel. Malt das Terrain südlich von Gera auf, wo der Uranabbau in Thüringen erfolgte, und wo sich jene sechs verschwundenen Dörfer befanden, von deren einstigen Bewohnern sie schreibt. Und sie erklärt, was Wismut bedeutet - ein Bergbauunternehmen in der DDR, das als das größte Reparationsunternehmen des 20. Jahrhunderts gilt. Denn mit dem, was bis 1990 gefördert wurde, bezahlte die DDR die Reparationsforderungen der Sowjetunion. Zu 98 Prozent war die DDR dafür aufgekommen, die restlichen zwei Prozent, so Annerose Kirchner, übernahm der westliche Teil Deutschlands. Der Preis des Uranabbaus war sehr hoch. Neben Heimatverlust auch Krankheit und Tod. Noch heute, erzählt sie, sterben Bergleute an Lungenkarzinom, eine anerkannte Berufskrankheit.


 Dokumentarischer Report

 

Die Geschichte der Wismut, so Annerose Kirchner, ist dokumentiert. Sie verweist die aufmerksam zuhörenden jungen Leute auch auf den großen Roman von Werner Bräuning: "Rummelplatz". Was indes ihr Buch "Spurlos verschwunden" von diesen unterscheidet - es ist ein dokumentarischer Report. Der sich den Schicksalen der Menschen zuwendet, die ihre Häuser verlassen mussten, deren Dörfer platt gewalzt wurden wegen des Urans.

 

Um die Zeit, die Erlebnisse der Betroffenen anschaulicher zu machen, fragt sie die Jugendlichen, wie sie sich fühlten, müssten sie innerhalb kürzester Zeit ihre eigenen vier Wände verlassen, Freunde verlieren. Wenn vertraute Wege plötzlich gesperrt sind, wenn Pilze nicht mehr gesucht werden dürfen.

 

Annerose Kirchner ist die Gegend mit dem Auto abgefahren, ist gewandert, um sich "die Landschaft ins Herz" zu holen. Sie hat lange in Archiven nach den Fakten gesucht, hat fotografiert. Historische Aufnahmen gibt es kaum, denn es sei verboten gewesen, die Uran-Orte zu fotografieren. Und sie hat sich sehr viel Zeit genommen, mit den Menschen zu sprechen, um ihre Geschichten zu hören.

 

Die meisten von ihnen sind mittlerweile zwischen siebzig und achtzig Jahre alt. Mit dem Heimatverlust seien die wenigsten klar gekommen. Sie sind heute noch traurig, beschreibt Annerose Kirchner deren Verfasstheit, wenn es um die Geschehnisse von damals geht. Wenigstens können sie nun darüber reden, denn selbst das war zu DDR-Zeiten verboten. Und sie können einen Teil ihres Lebens der Vergangenheit entreißen. Die Erinnerung, sie hat einen Platz bekommen.

 

Nachdenkliche Stille bei den Abiturienten. Die Sonne blinzelt durch die hohen Fenster des Klassenzimmers. Fünfzig Jahre zurück, das klingt Achtzehnjährigen wie eine halbe Ewigkeit. Ob vielleicht jemand von ihnen zum Buch greift oder am 14. April zur Lesung mit Annerose Kirchner in die Rimbach-Buchhandlung geht?

 

Annerose Kirchner: "Spurlos verschwunden", erschienen im Christoph Links Verlag

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